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Ist die klassische deutsche Juristenausbildung noch zeitgerecht?

In Deutschland herrscht insbesondere bei der Ausbildung von Juristen immer noch der Gedanke des Universalgelehrten vor. Obwohl unbestritten ist, dass die Welt durch Fortschritt an Entwicklung sowie eine ständig stärker werdende internationale Vernetzung immer komplexer und vielfältiger wird, wollen die deutschen Juristen weiterhin an der klassischen universellen Juristenausbildung festhalten. Dadurch entsteht eine unnötig lange Ausbildungsdauer, an deren Ende ein universal ausgebildeter Jurist steht. Dieser kennt sich zwar grundsätzlich in allen rechtlichen Belangen aus, jedoch in keinem Fachbereich wirklich gut. Dies führt dazu, dass er sich anschließend mit Weiterbildungen z. B. durch einen Fachanwaltslehrgang spezialisieren muss, um zumindest auf einem Gebiet wenigstens juristisch wirklich fit zu sein.

Es stellt sich daher die Frage, ob die klassische Juristenausbildung in Deutschland überhaupt noch zeitgemäß ist. Das deutsche System der Juristenausbildung entwickelte sich im Preußen des 19. Jahrhunderts und besteht seitdem bis heute nahezu unverändert. Gerade die Tatsache, dass die Welt in fachlicher Hinsicht immer komplexer und vielfältiger wird, macht es heutzutage erforderlich, dass sich die Juristen nicht nur mit den gesetzlichen Regeln der jeweiligen Rechtsbereiche auskennen, sondern wenigstens auch Grundkenntnisse in den dazugehörigen Fachbereichen (Wirtschaft, Umwelt, Sozialwesen, Medizin etc.) mitbringen. Dies bedeutet konkret, dass ein Jurist, der sich beispielsweise mit rechtlichen Fragen im wirtschaftlichen Kontext befasst, entweder als Rechtsanwalt, Unternehmensjurist oder auch als Richter, zumindest Grundkenntnisse der Wirtschaftswissenschaften mitbringen sollte. Denn nur so kann überhaupt gewährleistet werden, dass die juristische Lösung des Sachverhalts zu einer im fachlichen Kontext sinnvollen Umsetzung der Regeln (Gesetze) beiträgt. Dies wird in der klassischen Juristenausbildung sträflich vernachlässigt. Nur wenn hier angesetzt wird, lässt sich eine zeitgerechte Qualität der Juristenausbildung erreichen. Wichtig ist hierfür jedoch, dass vom Denken des Universalgelehrten Abstand genommen wird. Dies bedeutet allerdings auch, dass die jungen Studierenden der Rechtswissenschaften sich bereits zu Beginn des Studiums überlegen müssen, in welchem Bereich sie später als Jurist tätig werden möchten. Selbstverständlich wird den Studierenden auch die Fähigkeit, sich in fremde Rechtsgebiete einzuarbeiten, vermittelt, sodass ein späterer Wechsel des Rechtsgebietes nach oder auch während des Studiums nicht ausgeschlossen sein muss. Die Vermittlung des Basiswissens der drei Hauptgebiete der Rechtswissenschaft, Privatrecht, Öffentliches Recht und Strafrecht, muss natürlich ebenfalls eine entscheidende Rolle spielen. Jedoch sollte dies nicht fast die gesamte Dauer des Studiums ausmachen.

Es ist sicherlich unstrittig, dass sich die Berufe Richter, Staatsanwalt, Rechtsanwalt und Unternehmensjurist in ihrem Tätigkeitsfeld teilweise sehr stark unterscheiden. Da mittlerweile nicht nur die großen deutschen Unternehmen international tätig sind und die deutsche Wirtschaft längst Teil der globalen Wirtschaft ist, ist festzustellen, dass Unternehmensjuristen aber auch Rechtsanwälte in Wirtschaftskanzleien sich ganz anderen Herausforderungen im Berufsleben stellen müssen als beispielsweise Richter. Darüber hinaus ist die heutige Gestaltung des Referendariats zu überdenken. Müssen wirklich alle Juristen ausgebildete Richter sein? Es kann schließlich sowieso nur eine geringe Anzahl der ausgebildeten Richter auch als Richter arbeiten. Die meisten Juristen werden Rechtsanwalt oder Unternehmensjurist und viele haben gar nicht den Wunsch, Richter zu werden. Während des Referendariats muss deshalb die schon im Studium begonnene Spezialisierung auf ein juristisches Spezialgebiet weiter unterstützt werden, ergänzt durch die Vermittlung theoretischer Elemente insbesondere im Prozessrecht. Aber auch eine Verbesserung der praktischen Ausbildungsmodule sollte angedacht werden.

Abschließend ist festzustellen, dass eine zeitgerechte und qualitätssichernde Juristenausbildung in Deutschland nur durch Spezialisierung der einzelnen juristischen Studiengänge auf der einen Seite und die Vervielfältigung der juristischen Ausbildungsmöglichkeiten auf der anderen Seite möglich ist. Eine dem klassischen Model entsprechende „Universalausbildung“ ist definitiv nicht mehr zeitgemäß und entspricht bei einem internationalen Vergleich immer seltener den heutigen ausdifferenzierten Anforderungen an die juristischen Fachqualifikationen.

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